Suizidprävention ausbauen, um Leben zu retten

bild von mitarbeiter Sarah Trevisiol Sarah Trevisiol Projekt 10.5.2018 Teilen

Bild: Pixabay

Netzwerk Suizidprävention in Südtirol

 

In Südtirol nimmt sich, statistisch betrachtet, jede Woche eine Person das Leben, täglich finden ein bis drei Suizidversuche statt. Diese Zahlen sind die höchsten in Italien, gleichen aber denen von Deutschland und sind niedriger als in Österreich und der Schweiz. Am meisten gefährdet sind Menschen, die psychisch krank sind, vor allem diejenigen die unter Depressionen leiden, oder ein Suchtleiden haben. Ein erhöhtes Suizid-Risiko tragen ältere Menschen, Männer, unfreiwillig Vereinsamte, sprich geschiedene und verwitwete Menschen, Arbeitslose, an unheilbaren Krankheiten leidende Personen und allgemein Menschen in schweren Krisen. Auch Jugendliche zählen, je nach persönlicher Situation, zu den sogenannten Risikogruppen.
 

Die individuellen Gründe für suizidales Verhalten sind meist sehr komplex. Suizide zu vermeiden verlangt daher eine Vielzahl an Maßnahmen und Angebote, denn nur selten ist eine einfache Lösung möglich. Von den Gesundheits- und Sozialdiensten bis hin zur Jugendarbeit oder dem Bildungssektor sind sehr unterschiedliche Bereiche und Berufsgruppen gefordert. Freiwilliges Engagement und Selbsthilfegruppen leisten zusätzlich wichtige Dienste für betroffene Menschen. Um dem Phänomen entgegenzuwirken und die vorhandenen Kompetenzen besser zu bündeln, wurde ein südtirolweites Netzwerk zur Suizidprävention ins Leben gerufen. Es wurde im Jahr 2017 mit dem Ziel gegründet, Verbesserungspotential im Umgang mit Suizid, mit gefährdeten Personen sowie mit Angehörigen auszumachen. Gleichzeitig sollen verschiedene Präventions- und Hilfsangebote entweder ausgebaut oder sichtbarer gemacht werden.

Das Netzwerk setzt sich aus mehr als 20 verschiedenen gemeinnützigen Organisationen und öffentlichen Einrichtungen zusammen. Koordiniert wird das Netzwerk von der Caritas, der EAAD-EOS Genossenschaft, dem Forum Prävention, Telefono Amico und von Vertretern der psychiatrischen und psychologischen Dienste, der Notfallseelsorge sowie der Deutschen Bildungsdirektion der Autonomen Provinz Bozen.

Zu den bisherigen Aktivitäten des Netzwerks gehören:

  • Die Sammlung von bereits existierenden Maßnahmen, Angeboten und Diensten im Bereich Suizidprävention (Die Liste mit den Kontaktdaten ist als nicht-vollständiges Arbeitsdokument zu betrachten).
  • Die Durchführung einer Umfrage über Suizidprävention in Südtirol unter Fachleuten und anderen Interessierten.
  • Die Organisation einer öffentlichen Tagung am 10. Mai 2018 in Bozen.


Bei Fragen zum Netzwerk stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. E-Mail: Suizidpraevention(at)caritas.bz.it.

 

Sollten Sie selbst dringend Hilfe benötigen, können Sie sich direkt an die Caritas Telefonseelsorge wenden: täglich rund um die Uhr erreichbar - auch sonn- und feiertags - unter der Grünen Nummer 840 000 481 (ohne Vorwahl).

Vertrauliche und kostenlose Beratung für Junge Menschen: Young+Direct
Whatsapp: 345 081 70 56, Tel.: 840 036 366 (Grüne Nummer), Montag - Freitag: 14.30 - 19.30 Uhr, E-mail: online(at)young-direct.it

 

Mehr zur Fachtagung des Netzwerkes Suizidprävention

Mehr zur Fachtagung des Netzwerkes Suizidprävention

Es braucht konkrete Maßnahmen!
Das Netzwerk Suizidprävention, zu dem sich vor über einem Jahr mehr als 20 verschiedene gemeinnützige Organisationen und öffentliche Einrichtungen zusammengeschlossen haben, lud am 10. Mai  2018 zu einer Tagung nach Bozen, um gemeinsam notwendige Maßnahmen zu erarbeiten, mit dem Ziel, den Umgang mit Suizid, mit gefährdeten Personen sowie mit deren Angehörigen spürbar zu verbessern. Mehr als 200 Teilnehmer, überwiegend aus dem Bildungssektor, den Sozial- und Gesundheitsdiensten und aus verschiedenen sozialen Organisationen, haben einen Vormittag lang intensiv über dieses wichtige Thema diskutiert. Das Forum Prävention war mit dabei.

„Die Tagung war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wir haben dadurch bereits mehrere wichtige Ziele erreicht: Erstens, dem Tabu Suizid haben wir erfolgreich entgegengewirkt, zweitens, Partner aus verschiedenen Berufs- und Sprachgruppen haben sich intensiv ausgetauscht und drittens, die bestehenden Dienste und Anlaufstellen sind wesentlich sichtbarer als zuvor“, sagt Guido Osthoff, Bereichsleiter der Caritas und Koordinator des Netzwerks. „Darüber hinaus konnten wir bei der Tagung zahlreiche Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen. An diesen gilt es nun weiterzuarbeiten und gemeinsam konkrete Schritte in die Wege zu leiten, um Suizidprävention in Südtirol weiter voranzutreiben“, ergänzt Sabine Cagol von der Genossenschaft EAAD–EOS.
 
Weitere Mitglieder des Netzwerks fassen die wichtigsten Ergebnisse der verschiedenen Diskussionen folgendermaßen zusammen: „Bei der Tagung wurde zuallererst deutlich, dass die Gesellschaft unbedingt ihre ethische Haltung zum Wert des Lebens ändern sollte. Denn nur wenn wir dessen Höhen und Tiefen, also die Licht- und Schattenseiten akzeptieren, dann sind wir für unser eigenes Leben gerüstet und können zudem anderen Menschen in Krisensituationen beistehen,“ befindet Roger Pycha, Primar des psychiatrischen Dienstes am Krankenhaus Bruneck.
 
Peter Koler, Direktor des Forum Prävention, stellt fest: „Es gibt einen breiten Konsens, dass ein spezifischer Suizidpräventionsplan des Landes nötig ist, um die effiziente Umsetzung einzelner Maßnahmen zu garantieren. Es gibt in Südtirol zwar bereits viele Dienste und Anlaufstellen für gefährdete Menschen, allerdings sind dort allzu oft die Zuständigkeiten unklar oder die Wartezeiten schlicht zu lang.“ „Was es dringend braucht sind einfacher zugängliche Präventionsangebote, besser geschultes Personal und mehr gezielte Sensibilisierungsarbeit. Letzteres betrifft gerade die lokalen Medien, von denen wir dringend einen verantwortungsvollen Umgang mit der Thematik einfordern müssen“, ergänzt Marlene Kranebitter, die Landesleiterin der Notfallseelsorge.
 
„Die Ausbildung des Fachpersonals ist ein weiterer essentieller Faktor für eine verbesserte Suizidprävention“, so Julia von Spinn, Schulberaterin beim Pädagogischen Beratungszentrum des Landes in Bozen. Gerade Lehrpersonen brauchen mehr Kompetenzen oder Hilfestellungen, um in Krisensituationen richtig reagieren zu können.“ „Generell ist für alle Fachdienste wichtig, dass vorhandenes Wissen nicht verloren geht. Zudem müssen jegliche Synergien – auch über Sprachgrenzen hinweg – effizient genutzt werden“, fügt Harald Moser von Telefono Amico hinzu.
 
„Darüber hinaus müssen wir unbedingt weiter gegen die weit verbreiteten Tabus arbeiten, gerade wenn ein Suizid oder Suizidversuch passiert ist. Dazu braucht es Unterstützungsangebote, auch niedrigschwelliger Art, während der akuten Krisenphase genauso wie eine langfristige Begleitung der Betroffenen. Allerdings überwiegt der Eindruck, dass im Moment dafür weder die personellen noch die finanziellen Ressourcen bzw. die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Diensten ausreichend sind,“ meint Irene Volgger, Koordinatorin und Trauerbegleiterin der Caritas Hospizbewegung.
 
„Was suizidgefährdete Menschen oder diesen nahestehende Personen brauchen, sind vor allem kompetente und erreichbare Ansprechpartner, die sich um sie kümmern oder sie zumindest an passende Einrichtungen verweisen können. Eine Aufgabe des Netzwerks wird es daher sein, sogenannte seelische Erste Hilfe-Kenntnisse einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Darüber hinaus braucht es die gezielte Sensibilisierung von besonderen Berufsgruppen, denn vor allem Hausärzte, Lehrpersonen oder Journalisten spielen eine wichtige Rolle. Wir verlassen uns darauf, dass wir dabei als Netzwerk Suizidprävention auch in Zukunft auf die Unterstützung aus der Politik zählen können,“ schließen Sabine Cagol und Guido Osthoff die Forderungen des Netzwerks ab.
 
Bild: Netzwerk Suizidprävention
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